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20. März 2018

Interview | Stefan Kliche: Ein Physio für Chinas Profis

Interview | Stefan Kliche: Ein Physio für Chinas Profis
Stefan Kliche bei der Arbeit im HSV-Trainingslager in Abu Dhabi. Foto: Witters

Unter dem Motto Therapeuten in der Öffentlichkeit steht uns heute Stefan Kliche Rede und  Antwort. Der 37-jährige Physiotherapeut kümmert sich seit fast 15 Jahren um die kleinen und großen Wehwehchen von Profisportlern. Im Ferninterview beantwortet er Oliver Peters Fragen über seineberufliche Entwicklung sowie die Entscheidung, sein Glück im Ausland zu suchen …

Moin Stefan, oder soll ich lieber Ni Hao sagen? Schön, dass du dir Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Magst du dich unseren Lesern einmal kurz vorstellen und deinen Werdegang als Therapeut schildern?

Moin oder ni hao – gefällt mir beides sehr gut. In der Jugend habe ich Fußball gespielt und als 15-Jähriger bin ich vom SV Bendestorf zum HSV gewechselt. Zu diesem Zeitpunkt bin ich Jugendnationaltorwart gewesen und selbst in Kontakt mit Sportphysiotherapeuten gekommen. Diese Arbeit hat mich damals schon sehr interessiert und so habe ich mich entschlossen, die Ausbildung zum Masseur und med. Bademeister zu machen. An der Masseurschule in Hamburg hat auch mein damaliger Physiotherapeut Jörn Schimkat gearbeitet, der mich beim HSV betreut hat. Er war es, der mich nach meiner aktiven Zeit als Fußballer wieder zum HSV als Physiotherapeut geholt hat. Hier betreute ich zuerst die A-Jugend, dann die zweite Mannschaft und dann, als Hermann Rieger 2004 in Rente ging, bin ich aufgerückt zur Bundesligamannschaft des HSV und habe an der Seite von Uwe Eplinius die Profis betreut. 2011 habe ich dann die Leitung der Physiotherapie übernommen. Aufgrund von Umstrukturierungen in der medizinischen Abteilung des HSV habe ich mich entschlossen, 2014 ein Angebot des FC. St. Pauli anzunehmen.

Nach 10 Jahren in der 1. Fußball-Bundesliga (unter anderen als leitender Physiotherapeut beim Hamburger SV) und einem Jahr in 2. Bundesliga (FC St. Pauli) hat es dich in die Volksrepublik China verschlagen. Wie kam es zu diesem Schritt?

Durch einen Vermittler bin ich nach China gekommen. Ich habe ein Angebot über sechs Monate beim FC Yanbian Fude bekommen, der zu diesem Zeitpunkt in der Chinese Super League gespielt hat (1. Liga in China). Die Stadt Yanji, wo der Verein beheimatet ist, befindet sich ca. 30 Fahrminuten von der Grenze zu Nordkorea. Seit 2017 arbeite ich beim Beijing Enterprises Group FC der China League One.

Neben den kulturellen Unterschieden gibt es solche sicher auch in Therapie und Training. Was machst du anders bei den Spielern einer chinesischen Mannschaft? 

Im Grunde war alles anders, was mich aber überhaupt nicht geschockt hat. Im Gegenteil es war alles total spannend. Mein Motto für diese ersten sechs Monate war: No risk No fun. Für alle dort war es auch absolutes Neuland, dass ich neben dem Befunden und Behandeln an der Therapieliege auch mit den Spielern in den Kraftraum und auf den Fußballplatz gegangen bin. Sie konnten mich zunächst nicht einordnen, ob ich nun Arzt oder Trainer bin. Alle Therapeuten werden Ärzte genannt, auch wenn sie nur passive Behandlungen durchführen. Diejenigen, die aktiv arbeiten, sind Trainer. Ein sportartspezifisches Rehabilitationstraining fand hier bisher nicht statt. Neben der Betreuung der Verletzten habe ich mich auch um das Athletiktraining der Mannschaft gekümmert. Mir ist aufgefallen, das es enorme Defizite im Kraftbereich gab, die zu Verletzungen führten. In Absprache mit dem Cheftrainer habe ich dann ein wöchentliches Präventionstraining mit der Mannschaft durchgeführt.

Finden die westlichen Behandlungsmethoden denn im Geburtsland der Traditionellen Chinesischen Therapie (TCM) die nötige Anerkennung oder – anders gefragt: Musst du manchmal Überzeugungsarbeit leisten?  

Natürlich musste ich Überzeugungsarbeit leisten, was aber sehr gut geklappt hat.Alle Spieler haben toll mitgearbeitet. Wenn ich Spieler dann gesehen habe, die bei mir in der Reha waren und dann ihre Übungen im Kraftraum selbstständig weitergeführt haben, hat mich das sehr gefreut. Häufig wurde ich von Spielern auch gefragt, wie sie z.B. ihre Rumpfstabilität verbessern können. Viele wollten so ein Sixpack wie Ronaldo erreichen. Ich muss sagen, dass ich mit der Traditionellen Chinesischen Therapie kaum Berührungspunkte hatte, was mich auch sehr gewundert hat. Ich weiß von einem sehr guten Kollegen, der ebenfalls für einen chinesischen Erstligisten arbeitet, dass es bei ihm ähnlich ist. Warum das so ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Es gibt aber sehr viele Kliniken, wo die TCM angewendet wird.

In China gibt es unseres Wissens nach keine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Wie wird die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet?

Das stimmt. Hier wird stark getrennt zwischen aktiver und passiver Therapie. Ich habe aber chinesische Kollegen kennengelernt, die sich im Ausland ausbilden und dann in China arbeiten. Ambulante Rehabilitationszentren gibt es in China auch. Häufig unter Leitung von ausländischen Kollegen. Die Behandlung steht aber nur Selbstzahlern zur Verfügung.

Wie würdest du die Situation deiner Kollegen beurteilen, die aus dem Ausland nach China gekommen sind? Und wo sind Physiotherapeuten am häufigsten im Einsatz?

Wie ich eben sagte, in den Rehaeinrichtungen. Eine Vielzahl von Physiotherapeuten arbeitet bereits im Fußball. Ich habe viele ausländische Kollegen bei Spielen treffen können.

Wie betrachtest du die Situation der Therapeuten in Deutschland aus diesem Blickwinkel heraus?

Für mich ist es erschreckend, wie die Behandlungen vergütet werden. Für mich ist es ein Skandal, was ein Therapeut als Angestellter verdient. Die Fachkompetenz und Verantwortung sollte viel höher honoriert werden aus meiner Sicht. Man kann durch unsere Arbeit den Patienten enorm helfen, nur leider haben wir einfach zu wenig Zeit, um adäquat zu therapieren. Im Sport habe ich diese Zeit und sehe daher auch, was alles möglich ist.

Wenn verschiedene Kulturen aufeinanderprallen, ergeben sich manchmal überraschende, bisweilen befremdliche, oft auch lustige Begebenheiten. Kannst du uns eine Anekdote aus deinem Physio-in-China-Leben erzählen?

In meinem ersten Verein, nahe der Nordkoreanischen Grenze, gab es im Clubhaus häufig zum Mittag- oder Abendessen Hundefleisch. Ich habe sehr viel probiert, aber als Hundefreund war das für mich nicht möglich. Ich habe eine Öcotrophologin, mit der ich beim HSV zusammengearbeitet habe, kontaktiert, um herauszufinden, wie die Nährwertangaben bei Hundefleisch denn sind. Leider konnte sie mir nicht weiterhelfen ...

Was fasziniert dich – jenseits von deiner Arbeit – an dem Land?

Ich bin ein absoluter Asienfan geworden. Zum Glück geht es meiner Frau und meinen Kindern genauso. Meine Familie hat mich ein paar Mal dort besucht und wir können uns sehr gut vorstellen, dort für ein paar Jahre zusammenzuleben.

Und wo siehst du dich in fünf, in zehn Jahren.

Wie gesagt, ich würde gerne mit meiner Familie hier zusammenleben. Ich würde natürlich gerne, so lange es geht, im Profisport bleiben. Mein Heimathafen ist und bleibt aber Hamburg.

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche auch weiterhin viel Erfolg.

Bu ke qi


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