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10. Februar 2020

Therapie | Das Fibromyalgiesyndrom

Therapie | Das Fibromyalgiesyndrom
Foto: Adobe Stock / Stockwerk-Fotodesign

Autor: Andreas Winkelmann, Stephanie Wetzel, Johanna Benischek, Hanna Lindemann

Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) ist eine chronische Schmerzerkrankung, die mit vielen  verschiedenen Symptomen einhergeht. Die Diagnosestellung ist bei Fokussierung auf Einzel-symptome nicht einfach. Dementsprechend lange kann es dauern, bis Patienten adäquat behandelt werden. Entsprechende Fragebogen, Diagnosekriterien und die S3-Leitlinie  Fibromyalgiesyndrom unterstützen darin, das FMS zu erkennen und zu therapieren.

Fibromyalgie – Symptome, Diagnostik und Therapieansätze

Fibromyalgiesyndrom (FMS; lat: fibra = Faser; griechisch:myss = Muskel; álgos = Schmerz; gesamt: Faser-Muskel-Schmerz) ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit vielen weiteren charakteristischen Symptomen, weiterhin unklarer Ätiologie. In Deutschland leiden derzeit ca. 1,7-3,1 Millionen Menschen an einem Fibromyalgiesyndrom. In der Studie von Wolfe et al. aus dem Jahre 2013 wird eine Geschlechterverteilung von Frauen zu Männern von etwa 4 : 3 angegeben [1], in klinischen Einrichtungen liegt das Verhältnis allerdings meist deutlich höher, bei 8–12 : 1 [2].

Das FMS wurde 1990 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Erkrankung anerkannt, sowie 1992 in die Internationale Klassifikation der Erkrankungen (ICD-10) aufgenommen. Wie Yunus schon in den 1980er Jahren formulierte [4], wird das FMS nicht als Ausschlussdiagnose verstanden, sondern als eine Erkrankung, die anhand der Gesamtheit der charakteristischen Symptome klinisch gestellt wird. Aufgrund der Entwicklung neuerer Diagnostik mit der funktionellen Kernspintomografie konnte 2002 eine veränderte Schmerzwahrnehmung bei Patienten mit FMS sichtbar gemacht werden [6]. Neben den Veränderungen der zentralen Schmerzverarbeitung konnten in einigen Arbeitsgruppen, beginnend mit der Publikation von Üçeyler aus dem Jahre 2013 [12], Hinweise auf Veränderungen im peripheren Nervensystem (eine Verminderung der Small Fibres) bei einer Subgruppe von Patienten mit FMS gezeigt werden. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurde diskutiert, diese Patienten möglicherweise im Rahmen neuropathischer Erkrankungen einzuordnen.

Kernsymptome

Typisch für das Krankheitsbild sind die bei über 97 % aller Patienten zu findenden Kernsymptome: chronische generalisierte Schmerzen in mehreren Körperregionen, Schlafstörungen oder nicht erholsamer Schlaf sowie Müdigkeit oder körperliche und/oder geistige Erschöpfungsneigung (Fatigue). Des Weiteren können viele unterschiedliche vegetative Symptome, zum Beispiel kalte Hände/Füße, trockene Schleimhäute, vermehrtes Schwitzen und funktionelle Beschwerden (Organbeschwerden ohne erklärende pathologische Strukturveränderungen), die Betroffenen quälen. Typischerweise sind diese Beschwerden in den unterschiedlichen Körperregionen vom Beschwerdecharakter und von der Intensität her häufig wechselnd, meist ohne einen ersichtlichen Auslöser.

Pathologische oder gefährliche Strukturveränderungen sind nicht zu finden. Erfreulich für die Patienten ist, dass sie mit geeigneter Information nicht befürchten müssen, wegen immobilisierenden Schmerzen im Rollstuhl zu landen oder gar früher zu sterben. Allerdings kann für diese chronische Schmerzerkran-kung in der Regel keine Heilung, höchstens eine Verbesserung eingeschränkter Funktionsfähigkeit und Lebensqualität in Aussicht gestellt werden.

Begleitende Faktoren und Risikofaktoren

Folgende biopsycho-soziale Faktoren/Erkrankungen können als FMS assoziierte Faktoren beziehungsweise Risikofaktoren genannt werden [13]:

- biologische Faktoren: entzündlich-rheumatische Erkrankungen (z.B. die heumatoide Arthritis), Genpolymorphismen des 5HT2-Rezeptors (Serotonintranssportergen, Serotoninsystem), Vitamin D Mangel

- Lebensstilfaktoren (diese können durch Verhaltensänderungen positiv beeinflusst werden): Rauchen, Übergewicht, mangelnde lörperliche Aktivität

- psychische Faktoren: körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch in der Kindheit, sexuelle Gewalt im Erwachsenenalter, depressive Störungen

Diagnostik

Nach der Fibromyalgie Leitlinie sollen folgende diagnostische Schritte vor der Vergabe der Diagnose Fibromyalgiesyndrom durchgeführt werden [17][18]:

—  Ausfüllen einer Schmerzskizze und des Fibromyalgiesymptomfragebogens
—  explizite Exploration weiterer Kernsymptome (u.a. Müdigkeit, Schlafstörungen)
—  vollständige medizinische Anamnese (u.a. Abfrage psychiatrischer Erkrankungen und Behandlungen), vollständige Medikamentenanamnese
—  vollständige körperliche Untersuchung (inkl. der Haut sowie des neurologischen und orthopädischen Befunds)
—  Labor: kleines Blutbild, Blutsenkungsgeschwindigkeit, C-reaktives Protein, Kreatininkinase, Kalzium, TSH, 25-OH-Vitamin D
- nur bei Verdacht auf andere Pathologien als Ursache für die Symptomatik ist weitere Diagnostik zu veranlassen

Trotz vorhandener Leitlinien und vereinfachter Kriterien zur Diagnosestellung berichten Patienten noch häufig über einen langen Weg bis zur Diagnosestellung, was unter anderem hohe Kosten für das Gesundheitssystem mit sich bringt und mit einer Verschlechterung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität einhergeht. Nach Diagnosestellung können sowohl Kosten gesenkt als auch die Lebensqualität gebessert werden [20][21][22]. Deswegen ist eine rasche leitlinienbasierte Diagnosestellung mit Erfassung von Funktions- und Aktivitätseinschränkungen wichtig, um ein leitliniengerechtes und auf die individuelle Situation und Begleiterkrankung abgestimmtes Therapiekonzept zu erstellen und zu starten.

Therapieansätze

Bei den allgemeinen Behandlungsgrundsätzen nach der Leitlinie [23] steht an erster Stelle, die Be-troffenen über die Erkrankung zu informieren. Unter Berücksichtigung der Patienten-Präferenzen, der Begleiterkrankungen sowie bisheriger Therapien soll eine gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Betroffenen über realistisch erreichbare Ziele und die Anwendung verschiedener Therapieoptionen erfolgen. Realistisches Ziel ist eine Verbesserung der Funktion und Lebensqualität, nicht jedoch Schmerzfreiheit. In Abhängigkeit vom Schweregrad des FMS oder von vorhandenen Aktivitätsein-schränkungen wird eine stufenweise Behandlung empfohlen. Dabei stehen individuell dosierte und auf längere Sicht selbstständig durchführbare Therapiemaßnahmen im Vordergrund.

Die Behandlung des FMS orientiert sich an der aktuellen  S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom von 2017 [18]. Als wichtige Therapiesäulen werden hier physikalische Therapieverfahren wie zum Beispiel dosiertes Ausdauer-/Krafttraining, Balneo-/Hydrotherapie, meditative Bewegungstherapien (z.B. Qigong, Yoga, Feldenkrais) und kognitive-/Verhaltenstherapie für einen besseren Umgang mit den Beschwerden genannt. Medikamentöse Therapieoptionen sind oft begrenzt. Amitriptylin wird von Patienten mit FMS häufig in sehr geringer Dosierung als hilfreich für den Schlaf und teils auch für Schmerz empfunden. Je nach individueller Situation kann die Therapie abhängig von Aktivivitätseinschränkungen und Begleiterkrankungen meist ambulant durchgeführt, teils auch teilstationär oder stationär notwendig werden. Bei verstärkten Aktivitätseinschränkungen wird ein multimodales Therapiekonzept empfohlen [24]. Als wichtigster Zielparameter sollen die Lebensqualität und die Funktionsfähigkeit für Alltagsaktivitäten fokussiert, erhalten und optimiert werden.

Der Start oder die Optimierung eines regelmäßige Trainings, oft beginnend in kleinen, möglichst leicht ausführbaren Schritten, kann psychoedukativ, im Rahmen eines ärtzlich verodneten Funktionstrainings oder Rehasports sowie einer Physiotherapie als Einzeltherapie (KG kann bei Indikationsschlüssel CSa verordnet werden) unterstützt werden. Individuelle Anleitung zur Selbsthilfe fördert Selbstkompetenz, eigenverantwortliches Handeln, Akzeptanz und Lebensqualität. Die Betroffenen sollen in der Lage sein, die Strategien langfristig selbst und unabhängig durchzuführen.

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Originalartikels, der in der Zeitschrift manuelletherapie erschienen ist. Originalveröffentlichung: Winkelmann A et al. Das Fibromyalgiesyndrom (FMS). manuelletherapie 2019; 23(03): 107-114

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